Strikes Versagen – Wieso in El Salvador kaum jemand Strike benutzt

Diese Woche fand die “Adopting Bitcoin” – Konferenz in San Salvador statt. Mit einem Fokus auf der Entwicklung des Lightning-Netzwerks zog sie besonders Entwickler und Interessierte aus diesem Bereich an. Annähernd jeder Sponsor, jede Präsentation und jeder Teilnehmer hatte einen direkten Bezug zu Lightning. Doch eine Firma, die so so gut wie jeder bei solch einer Konferenz in El Salvador erwartet hätte, glänzte durch Abwesenheit.

Strikes Ankündigung

Erinnern wir uns zurück: Auf der Hauptbühne der Bitcoin Miami Konferenz im Juni diesen Jahres verkündete Strike-Gründer Jack Mallers stolz, dass Bitcoin zukünftig zum offziellen Zahlungsmittel El Salvadors erklärt werden würde. Vor Ort habe er viele Erfahrungen gesammelt und mit Bitcoin einen Weg gefunden, den Leuten dort zu helfen.

Hohe Remittance-Gebühren und die niedrige Verbreitung von Bankkonten seien Probleme, die durch Bitcoin gelöst werden sollen. Ein Start von Strike in El Salvador sei für ihn persönlich wichtiger als in Europa. “Wir onboarden 20.000 Salvadorianer pro Tag” hieß es in seiner Rede. Doch was ist daraus geworden?

Chivo

Eine Reise nach San Salvador, der Hauptstadt des Landes, offenbart, dass dort praktisch niemand Strike kennt, geschweigedenn benutzt. Es gibt keine Werbung für die App, keine Aushängeschilder, keine Händler oder Geschäfte, die Strike verwenden. Unternehmen verwenden entweder eigene Zahlungsdienstleister, wie Opennode oder IBEX Mercado, oder die mit Abstand am beliebteste App: Chivo-Wallet.

“Wir akzeptieren Chivo” in einem Cafe in der Innenstadt

Bei Chivo handelt es sich um das Bitcoin-Wallet der Regierung. Es bietet grundsätzlich die gleichen Funktionen wie die Strike-App: Bitcoin und USD versenden und zu empfangen, sowie eine automatische Umwandlung von empfangenen Bitcoin in USD. Für viele lag es damals nahe, dass Strike bei der Integration des Wallets helfen würde, bzw. die gesamte Entwicklung übernehmen würde. In einem Twitter Space verkündete Präsident Bukele sogar, dass Strike an der Umsetzung beteiligt sei.

Doch Chivo wurde nicht von Strike entwickelt. Hinter der App stecken Algorand, Athena, Koibanx und weitere Unternehmen. Laut Aussage mehrerer zuverlässiger Quellen verlangte Strike zu viel Geld (Gerüchten zufolge bis zu $300M), um die Chivo-App zu entwickeln. Dies soll der Regierung zu viel gewesen sein.

Zahlungen an der Tankstelle funktionieren per Chivo-App

Wer in den letzten Tagen auf Twitter unterwegs war, wird von den Problemen der Chivo-App bereits gehört haben. Prinzipiell funktioniert die App. Lightning-Zahlungen werden gesendet und erreichen den Chivo-Node. Ein kritisches Problem gibt es jedoch: Der Empfänger bekommt nicht angezeigt, dass die Zahlung angekommen ist. Dies führte bereits zu einigen Auseinandersetzungen zwischen Händlern und Touristen, die per Lightning an einem Chivo-Terminal gezahlt haben, weil sie die Zahlung nicht bestätigen konnten.

Ein großes Problem der Chivo-App sei auch gewesen, dass viele Leute die App zum Traden benutzt haben. Die Invoices der App sind für 15 Minuten gültig, haben jedoch einen fixen Dollar-Betrag. Weil Nutzer selbst entscheiden können, ob sie eine Invoice bezahlen, erhalten sie somit eine kostenlose Call-Option. Steigt der Preis von Bitcoin innerhalb der 15 Minuten, wird die Invoice bezahlt – fällt der Preis, wird sie nicht bezahlt. Da die Konversion von Bitcoin zu USD kostenlos ist, nutzten viele diese Sicherheitslücke aus, um davon zu profitieren. Mittlerweile soll dieses Problem behoben worden sein.

Ein Restaurant außerhalb von San Salvador akzeptiert Bitcoin mit der Chivo-App

Insgesamt lässt die Nutzerfreundlichkeit der App jedoch zu wünschen übrig: So enthalten Invoices teilweise private Daten des Empfängers und eine normale Lightning-Invoice kann nur über einen extra Menü-Punkt erzeugt werden.

Bitcoin Beach

Anders als es das Strike-Marketing Anfang diesen Jahres vermitteln wollte, benutzen in El Zonte, auch bekannt als “Bitcoin Beach”, die meisten Händler das gleichnamige “Bitcoin Beach Wallet”. Hierbei handelt es sich um ein custodial Wallet, dessen Keys durch mehrere ortsansässige Leute gehalten werden. Die Open-Source App wurde bereits in 2020 von Galoy entwickelt und den Leuten in El Zonte vorgestellt.

Strike
Ein Getränkeladen in El Zonte

Ein paar Händler mit Strike-App finden sich dann doch noch. In El Zonte verwenden nur wenige Läden Strike. Das ist wirklich schade, denn: Ein Test zeigt, dass Strike das ist, was Chivo sein sollte: Es funktioniert auf Anhieb, Zahlungen kommen an und werden für den Händler umgehend als bezahlt angezeigt und in USD konvertiert. Doch wieso verwenden die Leute dann dort nicht alle Strike?

Hope House am 18.11.21

Bewohner begründen diesen Umstand mit einer Ablehnung gegenüber Strike. Sie fühlten sich für das Marketing der Firma benutzt und wieder fallengelassen. Es scheint, als habe Strike die Bitcoin-Beach-Initiative in El Zonte geschickt genutzt, um ihr Produkt zu vermarkten.

“A country that supports and fosters innovation is a company this community is going to stand behind. Strike will open an innovation HQ in El Salvador”

Jack Mallers

Tatsächlich befindet sich am angekündigten Standort des “Strike Innovation HQ’s” kein solches mehr. Das Strike-Logo am Hope House wurde inzwischen wieder abmontiert. Wieso sich Strike aus El Salvador zurückgezogen hat, ist nicht öffentlich kommuniziert worden und so rückte das Thema in der Kommunikation bei Strike immer weiter in den Hintergrund. Jenachdem wen man in El Zonte fragt, liegt dies entweder am unprofitablen Markt oder an politischen Druck.

Wettbewerb

Dass Strike in El Salvador nicht stärker beworben wird, hat große Konsequenzen. Viele Bürger wissen nicht viel über Bitcoin und denken, dass Chivo das einzig verfügbare Wallet ist. Sie assozieren Bitcoin ausschließlich mit der Regierung, weshalb das Vertrauen in Bitcoin, besonders bei Oppositionellen, extrem niedrig ist. Annähernd niemand, mit dem wir geredet haben, wusste, dass es auch andere Bitcoin-Wallets gibt.

Dass Chivo das am meisten verbreitetste Wallet ist, dürfte zunächst einmal kaum überraschen. Schließlich erhielt jeder Salvadorianer $30 für die Installation und weiterhin 10% Rabatt auf Tankstellenrechnungen. Der Grund, warum niemand in San Salvador Strike benutzt, ist laut Aussage mehrerer Einwohner, dass sie einfach nicht wissen, dass es Strike gibt. “Ein Wallet wie Chivo, dass nicht von der Regierung ist, würde ich benutzen!”, ist eine weit verbreitete Meinung. Stattdessen werden die Bewohner mit Plakatwerbung von Börsen wie Binance und Bitso überschwemmt.

Bezahlung mit Chivo an der Bar im Ministerium

Ein weiterer Punkt, der in Strikes Marketing nur unvollständig kommuniziert wurde, ist der Grund für die schlechte Verbreitung von Bankkonten: Dies liegt nicht ausschließlich an der Verfügbarkeit von Konten, sondern auch daran, dass viele Salvadorianer Banken schlichtweg nicht vertrauen. Eigentlich ein Umstand, der für die Bitcoin-Adoption positiv sein dürfte. Doch mit der Chivo-App als vermeintlich einzige Option, sehen viele Bürger des Landes Bitcoin einfach als eine andere Form einer Bank.

Ohne Konkurrenz dürfte es leider nur wenig Druck geben, die Chivo-App weiter zu verbessern. Wir hoffen, dass sich dieser Umstand ändern wird. Auf der Adopting-Bitcoin Konferenz wurde bereits klar: An talentierten Lightning Entwicklern mangelt es nicht.

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